Verlust des graphischen Know-How

Kategorie: Druckvorstufe, Werbeagentur | 3 Kommentare »

Der Druckvorstufenbereich verkommt immer mehr zur Farce. Obwohl, oder vielleicht gerade deswegen, die einzelnen Softwarekomponenten immer umfangreicher und leistungsfähiger werden, verliert die Werbebranche einen der wichtigsten Leistungsträger und Garant für Qualität: den Experten für Lithographie und Druckvorstufe. Man mag es fast nicht glauben, in den Werbeagenturen und Druckereien sitzen zum grössten Teil Leute, welche von der Druckvorstufe und Datenaufbereitung so gut wie keine Ahnung haben, obwohl diese heutzutage den grössten Teil der Druckunterlagen herstellen.

Die fehlende Kenntnis schlägt sich in in erster Linie mangelnder Qualität nieder. Dazu kann man sich leicht und schnell selbst überzeugen, wenn man sich diverse Inserate in den Zeitungen ansieht, wo Expertenwissen dringend von Nöten wäre. Die meisten davon sind zu flau, flach, dunkel, etc. Von Werbebotschaft kann hier keine Rede mehr sein.

Klar, Druckunterlagen für den Zeitungsdruck verlangen wesentlich mehr fachliches Wissen, als für den normalen Offsetdruck, wo mittlerweile jeder Hobby-Graphiker brauchbare Ergebnisse erzielen kann. Womit wir wieder beim Ausgangsthema wären, dass gerade es an Fachleuten fehlt.

Doch warum kann die gesamte Werbeindustrie fast keine Experten mehr aufweisen, bzw. wo sind diese Fachleute alle verschwunden?

Fehlende Ausbildung

Es gibt zwar viele schulische Ausbildungsstätten, wie die Werbeakademie oder die Graphische Lehr- und Versuchsanstalt, aber wie bei jeder anderen Schule auch, können diese nur grobes Allgemeinwissen vermitteln. Die Spezialisierung bzw. der Weg zum Experten kann nur über die Praxis erfolgen, und genau an diesem Punkt herrscht grosser Nachholbedarf in der deutschen und österreichischen Werbeszene.

Leider ist es heute so, dass (zur Veranschaulichung nehmen wir uns die Werbeagenturen vor, kann aber auf jede andere Sparte der Werbung ausgelegt werden) Werbeagenturen so gut wie nicht mehr bereit sind, in ihre Mitarbeiter zu investieren und diese weiter auszubilden, sei es aus Unkenntnis, falscher Geldgier, oder Angst, die baldige Konkurrenz auszubilden.

Üblicherweise sieht es so aus, dass ein Neuer – nach Vorstellung seiner Arbeitskollegen, Zuweisung seines Arbeitsplatzes und einer groben 10-minütigen Einweisung in die bestehende Datenstruktur – auf sich alleine angewiesen ist. Keine Einschulung über die Arbeitsweise, keine Erfassung über den Wissensstand, keine Abgleichung der Arbeitsweise, keine Schulung über die Möglichkeiten des Programmes, keine Weiterbildung, etc.

Wenn die Agentur Glück hat, verfügt der Neuling bereits über Fachwissen, andererseits wird dieser ausgetauscht, oder solange zermürbt, bis dieser freiwillig geht. Interne Weiterbildungen sind praktisch nicht vorhanden, und wenn dann nur in Form von langwierigen Bla-Bla-Seminaren durch Theoretiker. Das in der Werbeszene bekannte Kommen und Gehen findet statt. Anstatt selbst Leute auszubilden wird von anderen Agenturen schamlos abgeworben, in der Hoffnung einen Experten zu angeln.

Billig muss er sein

Je billiger umso besser, denken sich die Bosse. Nur lässt sich kaum ein Experte um einen Hungerlohn anwerben. Aber es heisst doch, in der Werbeszene verdient man ganz gut, sehr gut sogar, im Vergleich zu anderen Jobs.

Das stimmt auch zum grössten Teil. Die Einstiegsgehälter für Leute, welche noch nicht das technische Know-How verfügen sind allerdings bestens. Nur würde man am liebsten dieses Gehalt auch den raren Fachexperten zahlen, und das ist entschieden zu wenig. Was bleibt ist, dass man dann doch wieder einen Neuen von der Konkurrenz abwirbt, in der Hoffnung einen Experten quasi umsonst zu angeln.

Fehlendes Know How = Überstunden

Es gibt wohl kaum ein anderes Gewerbe, wo Überstunden so an der Tagesordnung stehen, wie in der Werbeindustrie. Jetzt darf natürlich jeder mal mitraten, warum dies so ist.

  • Knapper Zeitplan
  • zuviel Arbeit
  • zuviel Sonderwünsche des Kundes

Spielt sicher alles mit eine Rolle, der Hauptgrund für Überstunden ist aber schlicht das fehlende Know-How bzw. die mangelnde Erfahrung. Werbeakademien, Fortbildungskurse über z.B Wifi sind zwar nett, machen aber noch lange keine praxiserprobten Fachexperten aus. Da die Agenturen kaum mehr in ihre eigenen Mitarbeiter in Form von Weiterbildung, Optimierung o.ä. investieren, bleiben die meisten Mitarbeiter auf dem technischen Niveau der 90er Jahre hängen, in dem Jahrzehnt wo der grosse Umbruch von der manuellen zur digitalen Druckvorstufe stattgefunden hat.

Da wird die Verwendung eines neuen Filters als grosse Weiterentwicklung gefeiert. Absatzformate, Zeichenformate, Objektstile, Bibliotheken, Automatisierung von Arbeitsschritten, Smart Objects, Datenmanagement, Farbmanagement, Workflow, etc. kennen die meisten nur vom Hörensagen.

Aber genau diese Punkte sollten den einzelnen Unternehmen wichtig sein, ermöglichen diese doch eine schnellere, effizientere und vor allem fehlerfreie Arbeitsweise. Es wird sicherlich wieder die Zeit kommen, wo höchste Qualität und rasches, sowie fehlerfreies Arbeiten verlangt wird. Die wenigen Leute, welche dann noch über dieses Fachwissen verfügen, werden dann wohl jeden Preis verlangen können.

3 Antworten zu “Verlust des graphischen Know-How”

  1. Konrad

    Dem kann ich grösstenteils zustimmen.
    Es gibt kaum mehr fachlich geschulte Personen, welche einem genau die zB Korrekturwünsche durchgeben können. Statt “hier 10% weniger Magenta” heisst es jetzt “sieht aber anders aus als ich es erwartet habe.”

    Alles muss schnell und billig sein. Die Qualitat bleibt dadurch auf der Strecke.

  2. Klaus

    Dieser Artikel wirft ja kein sehr gutes Licht auf die Werbeagenturen. In der Tat scheint sich der generell qualitativ schlechter werdende Ausbildungsstand auch in der Werbebranche wiederzuspiegeln. Dies führt natürlich zu immer größer werdenden Verstandnisproblemen zwischen Kunden, Agenturen und Druckereien, da nützt dann auch die neueste Technik sehr bald nicht mehr all zu viel. Hinzu kommen der gesellschaftliche Status der verschiedenen Berufsgruppen in der grafischen Industrie. Mediengestalter will ja fast jeder werden – aber Drucker oder Buchbinder? Das Verhaltnis der Bewerber ist in etwas 1:7, was wohl mehr als deutlich ausdrückt, wie stark Schulabganger in die Werbebranche drangen. In den letzten zwei Jahrzehnten ist da viel versaumt worden, jetzt bekommen wir dafür die Quittung prasentiert. Aktuelle Projekte, wie z.B. von der Heidelberger Druckmaschinen AG versuchen Abhilfe zu schaffen und verstarkt die Nachwuchsförderung voran zu treiben.

  3. Administrator

    Du sagst es.
    Der Qualitatsanspruch ist leider seit Aufkommen der Computer, und damit der Möglichkeit alles selbst (billig) zu machen, gesunken.

    Es ist daher enorm wichtig, dass man seine Mitarbeiter regelmassig schult und weiterbildet. Mag zwar augenscheinlich teuer sein, rentiert sich aber innerhalb kürzester Zeit durch raschere und fehlerlosere Produktionsablaufe.

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